Foodstyling – wer und was steckt dahinter?

    Boris Lie aus Hamburg liebt nicht nur den Genuss von gutem Essen, er beschäftigt sich auch beruflich mit dem Thema, denn Boris arbeitet als Foodstylist bei FOODBOOM.


    Wie würdest du jemandem deinen Beruf erklären?

    Foodstylisten sind Rezeptentwickler, Perfektionisten, Tüftler, Handwerker und Künstler. Wir werden bei Dreharbeiten oder Fotoproduktionen eingesetzt, um Speisen, Lebensmittel und Kundenprodukte mit handwerklichem Geschick so zu inszenieren, dass sie appetitlich und ästhetisch aussehen.

    Du hast ursprünglich als Koch gearbeitet. Ist das der typische Weg in die Tätigkeit als Foodstylist?

    Meines Erachtens, nein. Es gibt auch Foodstylisten, die auf anderen Wegen dazu gekommen sind. Durch die Ausbildung und langjährige Erfahrung in der Gastronomie bin ich wahrscheinlich flexibler in der Kreation und Zubereitung von Speisen. Ich habe damals auch nur zufällig von dem Beruf gehört und glaube, dass viele gelernte Köche die Funktion eines Foodstylisten gar nicht kennen.

    Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei dir aus?

    Der Job als Foodstylist ist sehr vielfältig, deswegen gibt es keinen typischen Arbeitsalltag. Bei FOODBOOM produziere ich zum Beispiel in Zusammenarbeit mit den Kollegen Rezeptvideos und Foodfotos. Dafür haben wir verschiedene Küchensets, die fest eingerichtet sind und als Kulisse dienen. Wenn ich nicht am Set arbeite, entwickle ich Rezepte, gebe Workshops oder sorge bei Events dafür, dass die Gäste „fancy“ Speisen auf ihre Teller bekommen.

    Verwendest du frische Lebensmittel?

    Ich nutze ausschließlich frische Lebensmittel, weil sie im Foto oder Video am natürlichsten saussehen. Ich halte nichts davon, einen Kuchen mit weißem Industriekleber zu übergießen und ihn im Nachhinein wegzuwerfen. Es gibt verschiedene Tricks, um verarbeitete Lebensmittel auch ohne den Einsatz von künstlichen Hilfsmitteln über längere Zeit optisch appetitlich zu halten. Auch wenn das mehr Arbeit kostet – dieser Aufwand lohnt sich immer. Außerdem freuen sich meine Kollegen, wenn sie unsere „Modelle“ im Anschluss an die Produktion essen dürfen.

    Welche Hilfsmittel befinden sich in deinem „Werkzeugkasten“?

    Zur Foodstyling-Grundausstattung gehören verschiedene Messer für jegliche Arten von Lebensmitteln. Außerdem benötige ich kleine Pinzetten, wenn ich zum Beispiel mal eine Nudel verrücken muss, oder Spritzen zum Platzieren von Soßen. Auch ein Bunsenbrenner, ein Maßband, Garthermometer, Spritzbeutel, eine Fingerpalette und Handcreme sowie Nagelpflegeöl sind nützlich. Alles Hilfsmittel, die mir ein filigranes Arbeiten mit gepflegten
    Händen ermöglichen.

    Ästhetik wandelt sich mit der Zeit: Wie hat sich das Foodstyling verändert und was ist
    der aktuelle Trend?

    Die Inszenierung von Gerichten ist über die Jahre immer moderner und ausgefallener geworden. Heutige Gerichte, egal ob Streetfood oder in Restaurants, sind bunter, filigraner und ausgefallener. Die Leute kombinieren Alltagsgerichte oder interpretieren Klassiker neu. Das sind natürlich alles Faktoren, die mich in meiner Arbeit beeinflussen und inspirieren. Zugleich ist Foodstyling und Foodfotografie heute aber auch authentisch. Es darf gekleckert werden und es muss nicht mehr alles symmetrisch drapiert werden. Dadurch sehen die Bilder nahbarer und kochbarer aus.

    Woher schöpfst du persönlich Inspirationen?

    Viel kommt durch meine Erfahrung als Koch, aber auch Tipps in Zeitschriften, Social Media oder Alltagsdinge inspirieren mich – zum Beispiel fluffige Zimtschnecken beim Bäcker um die Ecke oder ein beeindruckendes Werbeplakat mit schwebenden Burgerzutaten. Und auch wenn ich essen gehe und neue Kombinationen entdecke, ist das natürlich eine Inspiration
    für mich.

    Was bedeutet Genuss für dich?

    Grundsätzlich bedeutet für mich Genuss, mir Zeit zu nehmen und mich bewusst mit Essen auseinanderzusetzen. Zu schmecken, was an Handwerk dahintersteckt – und die Liebe bei der Zubereitung. Genuss empfinde ich sowohl bei gutbürgerlicher Küche wie einer knusprigen Schweinshaxe mit Rotkohl und Knödeln – beim Knuspern der Schwarte in Kombination mit süßsaurem Rotkohl, den weichen Knödeln und der deftigen Soße. Als auch in der gehobenen Gastronomie bei einem großen Menü, wo hinter jedem Gang mit der dazugehörigen Weinbegleitung eine Art von Idee steckt. Mich auf diese Idee einzulassen und sie zu spüren, auch das ist Genuss für mich.

    Welchen Einfluss hat dein Beruf auf dein Verhältnis zu Lebensmitteln?

    Respekt vor Lebensmitteln und ihrer Verarbeitung hatte ich schon immer. Durch meine Arbeit als Foodstylist bin ich jetzt näher an den Trends und bekomme schneller den Wandel der Esskultur mit als früher in der Gastronomie. Ich beobachte, dass verstärkt Aufträge reinkommen, bei denen es sich um nachhaltige Produktalternativen handelt. Beispiele sind Pasta aus Linsen oder Algen sowie Produkte mit biologisch abbaubaren oder wiederverwendbaren Verpackungen. Das beeinflusst meinen Job insofern, dass ich Rezepte mit diesen Produkten entwickle und versuche, den Sinn des Produktes sowohl im Video als auch im Foto zu vermitteln.

    Welchen Tipp hast du, wie auch Hobbyköche zu Hause ihre Kreationen ansprechend auf den Teller bringen können?

    Ein wichtiger Tipp lautet: Weniger ist mehr. Man sollte den Teller nicht komplett mit Zutaten überladen. Beim Jägerschnitzel beispielsweise nur einen Esslöffel Soße auf das Schnitzel geben und servieren. Im Nachhinein kann der Besuch dann das Schnitzel in Soße ertränken (lacht). Ein Klassiker ist auch, grafische Elemente einzubauen: Zum Beispiel einen runden Servierring mit Rindertatar zu füllen oder das Risotto mit einem Salat-Topping in die Höhe zu bauen. Und noch ein Tipp: Püree wird ästhetisch als sogenannte Träne drapiert, indem man mit der Esslöffelunterseite durch die Masse auf dem Teller gleitet. Und schon genießt das Auge mit!

    Bilder: ©Mariusz Mocak